Wenn das Greifen nach dem letzten Strohhalm funktioniert. Bericht zum Spiel der Marburg Mercenaries gegen die Stuttgart Scorpions vom 26.08.2018

Nach dem tollen Erlebnis am Samstag in Solingen ging es für Marc und mich weiter nach Marburg. Sonnenschein und bestes Footballwetter erwarteten uns nach der gut 2,5 stündigen Anreise.

Oft und gerne sind wir in Marburg, denn die Stadt, die Umgebung, die Mannschaft und eigentlich alles ist dort sehr sympathisch. Der Spielort hat eine sehr angenehme Tribüne, der für die Verhältnisse einer Erstligamannschaft in einer Randsportart sehr passend ist. Ich persönlich hoffe, dass die Sportart über die Jahre ihr Nischen Dasein etwas verlieren und noch mehr Zuschauer anlocken wird.

Bilder: Marburg Mercenaries – Stuttgart Scorpions 26.08.2018

Bilder: Marburg Mascots Cheerleader 26.08.2018

Auch Christian war schon dort und so verging sich die Zeit bis zum Einlauf beider Mannschaften recht schnell. Die Gäste aus Stuttgart schienen dabei hochmotiviert und stellten sich, wahrscheinlich eher der Motivation geschuldet als gewollt, viel zu nah an der Mitte auf, als sie es sollten. Oder wollten sie sich doch einmal in groß und nah zeigen? Selbst wir Fotografen, die schon wussten, wie die Mercenaries einlaufen und wo sie sich aufstellen würden, hatten ein wenig Platznot.

MMStSc26082018-6Zwischendurch haben noch die Cheerleader eine kleine Aufführung gezeigt, aber nur vor der Tribüne, ehe es zum Einlauf der Mercenaries kam. Mittlerweile haben die Stuttgarter dann doch etwas mehr Platz gelassen und so konnte der Einlauf der Marburger problemlos funktionieren. Für einen kurzen Moment dachte ich, dass mich Stefan Conrad (Marburgs 78) einfach mal dezent umrennen würde. Doch er sprang dann doch noch zur Seite. Auch wenn ich in dieser Situation ein wenig das Verlangen hatte, selbst zur Seite zu gehen, wurde mir schon vor Monaten gesagt: einfach stehenbleiben. Nicht bewegen, die Spieler sehen Dich und werden schon an Dir vorbeilaufen.

Nachdem ich also das Einlaufen beider Mannschaften verletzungsfrei überlebt hatte, ging es an den angestammten Platz, die Sideline, um von Dort das Spiel zu beobachten und zu fotografieren.

Die Voraussetzungen für dieses Spiel waren klar: Marburg brauchte den Sieg um im Playoff Rennen weiter ein Wörtchen mit zu reden während die Stuttgarter nach dem letzten Strohhalm greifen wollten um nicht in die Abstiegsrelegation zu müssen.

Das Spiel begann dann aber für die Hausherren mit großen Schwierigkeiten. In der Offensive wollte nicht viel zusammenlaufen. Pässe kamen nicht an und auch Raumgewinne im Laufspiel waren Mangelware. Auch die Defensive, die noch immer seit dem Spiel gegen Frankfurt auf wichtige Spieler verzichten musste, hatte Müh und Not die Angriffs Bemühungen der Gäste aufzuhalten. In der Konsequenz überraschte es nicht, dass die Gäste mit 0:7 in Front gehen konnten. Das aber tatsächlich erst mit Beginn des zweiten Viertels.

Mit dem nächsten eigenen Drive der Marburger, der relativ lange dauerte, konnte aber der Ausgleich erzielt werden. Die Freude darüber hielt nicht sehr lange, denn gegen das Passspiel hatte die Verteidigung Marburgs nicht gut ausgesehen. Es fehlte insbesondere der Körperkontakt zum gegnerischen Receiver. Fast wirkte es so, als wollte keiner einen Tackle ansetzen. So war es ein schöner Pass, der die erneute Führung der Gäste einbrachte. Doch den Extrapunkt, den haben sie genial ausgespielt. Der Holder bekommt den Ball und wirft ihn mit einer leichten Handbewegung einem Spieler zu, der fast ungehindert in die Endzone spazieren konnte. Das war sehr unerwartet und brachte den gewünschten Erfolg mit zwei weiteren Punkten zum 7:15.MMStSc26082018-30

MMStSc26082018-33Nun mussten sich die Marburger schon etwas einfallen lassen und eine Idee hatten sie mit dem Namen Hendrik Schwarz #82. Seines Zeichens Wide Receiver. Ein Pass auf ihn und ein sehr großer Raumgewinn war das Ergebnis. Ein weiterer Pass auf ihn und schon hieß es Touchdown. Er weiß, wie man Bälle vernünftig fängt und Silas Nacita weiß, wie man in die Endzone läuft. Somit kam auch Marburg zu acht Punkten und dem Ausgleich zum 15:15.

Eigentlich ein gutes Ergebnis, mit dem man in die Halbzeitpause hätte gehen können, doch die Gäste nutzten die wenig verbleibende Zeit, kamen Yard um Yard nach vorne und verwandelten ein Field Goal aus 44 Yards Entfernung. 15:18 war dann der Halbzeitstand.

Ach ja, die Stimmgabeln waren mal kerzengerade. Ein interessant ungewohntes Bild irgendwie. Abgesehen davon bestätigte sich zu diesem Zeitpunkt bereits, dass Spiele in Marburg immer spannend sind. Ich erinnere mich nur an das Spiel gegen München.

Die zweite Halbzeit begann für Marburg sehr positiv, denn zum ersten Mal konnten sie in Führung gehen. Erneut war es Hendrik Schwarz, der in der Endzone sträflich vergessen wurde und den Ball zur erstmaligen Führung festhielt.

Immer wieder schaute ich auch bei den Cheerleadern vorbei, die für Unterhaltung sorgten und schicke Hebefiguren zeigten. Ihnen kann man jedenfalls nicht den Vorwurf machen, nicht für die nötige Unterstützung zu sorgen. Leider waren sie manchmal tatsächlich die lautesten, denn häufig folgten die Zuschauer und Fans den Anfeuerungen nur sehr sporadisch.MarburgMascots260818-26

In der Folge lief beinahe gar nichts mehr für Marburg auf dem Feld zusammen. Noch im dritten Viertel stellten die Gäste ihre Führung wieder her und konnten auch das letzte Viertel einigermaßen dominieren und mit einem weiteren Touchdown und einem Field Goal auf 22:35 erhöhen. Dass sich die gezeigte schwache Defensivleistung nun auch ganz auf die Mannschaft auswirkte, zeigten die verbalen Reibereien, die es in der Marburger Teamzone gab. Unzufriedenheit machte sich vier Minuten vor Spielende breit.MMStSc26082018-45

Aber manchmal braucht es genau solche Dinge, um diese angestaute Wut und Energie erfolgreich auf das Feld zu bringen. Ein gefangener Pass und ein wunderbarer langer Lauf über das halbe Spielfeld von Andrecus Lindley #5 und da stand es nur noch 29:35. Bei noch knapp drei Minuten bis zum Ende war schon halbwegs klar, was passieren würde, und der On-Side-Kick erfolgte auch und wurde, nachdem der Ball ein leichtes Eigenleben entwickelte, von den Marburgern gesichert. Das wurde natürlich bejubelt. Für einen Moment fragte ich mich, wie man in Solingen auf diese Spielsituation reagiert hätte. Vermutlich würde das Stadion aufgrund der Stimmung einsturzgefährdet.

Marburg hatte also den Ball und musste nur noch die Uhr vernünftig managen und am Ende punkten. Nun, die Punkte wurden gemacht und die Führung übernommen. 36:35. Aber wenn man weiß, dass die eigene Defensive nicht gerade einen Sahnetag hat, dann sollte die restliche Spielzeit nicht noch rund zwei Minuten betragen.MMStSc26082018-54

Die Stuttgarter, die nun nochmal den Ball bekamen, mussten also gar nicht mehr so weit nach vorne, denn ein Field Goal hätte schon zum Sieg gereicht. Und so rächte sich das Missmanagement der Uhr für die Marburger mit einem weiteren Touchdown der Gäste, bei dem die Passverteidigung wieder nicht besonders gut aussah.MMStSc26082018-56

Den letzten Angriff des Spiels konnten die Mercenaries nicht mehr erfolgreich gestalten und mussten sich den Gästen aus Stuttgart geschlagen geben. Diese feierten das Festhalten des letzten Strohhalms so, als hätten sie den German Bowl gewonnen. Aber wer kann es ihnen verübeln?

Es wird schwer für Marburg in den letzten beiden verbleibenden spielen noch die Kurve zu kriegen und sich die Teilnahme an den Playoffs zu sichern. Zunächst kommt der schwerste Brocken der Liga nach Marburg, die Unicorns aus Schwäbisch Hall. Anschließend geht es noch nach Ingolstadt, die unter Umständen an diesem Tag noch eine theoretische Chance auf die Playoffs haben. Dies aber nur, wenn Marburg das Spiel gegen Hall und München seine beiden letzten Spiele gegen die Allgäu Comets und die Stuttgart Scorpions verliert.

Es könnte also einen sehr interessanten Showdown am letzten Spieltag um den letzten Playoff Platz geben.

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